Samstag, 15.11.2008
Der Tag beginnt gut und wir brechen mit Taxis zum Bahnhof von Kairo auf, der Taxifahrer versucht mich beim Wechselgeld zu betrügen. Am Bahnhof ergibt sich das erste Problem des Tages:

Der Bahnhof von Kairo
Wir haben nicht genug ägyptische Pfung und es ist offenbar unmöglich mit Euro zu bezahlen, was bisher immer und egal wo problemlos geklappt hat. Also gehe ich mit Stefan, schon beide leicht im Stress, los, um eine Gelegenheit zum Tauschen zu finden. Es gibt natürlich keine, aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Wir behaupten einem Apotheker gegenüber in "betrügerischer" Absicht, wir bräuchten dringend das Durchfallmedikament (Stefan kommt in der Mitleid erregenden Pose sehr gut rüber), hätten aber nur einen 50-Euro-Schein. Der Apotheker lässt sich darauf ein, aber er hat nicht genug Pfund zum Wechseln. Also kriegen wir die Tabletten geschenkt - das ist sehr nett, hilft uns aber in unser völlig anders gearteten Notlage nicht weiter. Also zurück zum Bahnhof, einen Geldautomaten benutzen. Am zweiten klappt das Abheben auch und wir sind sehr erleichtert. Aber nun werden wir, während unser Abfahrtstermin in bedrohliche Nähe rückt, von Fahrkartenschalter zu Fahrkartenschalter geschickt. Doch irgendwann klappt auch der Ticketkauf. Hier bin ich ziemlich von der Art der ägyptischen Beamten angenervt (hinter der Scheibe zu sitzen und einen nicht beachten oder vielleicht sogar zu belügen). Aber es klappt dann doch noch alles und wir kriegen unseren Zug. Dieser macht einen guten Eindruck (vor allem sehr viel Beinfreiheit, zwischen den Abteilen kann geraucht werden), auch wenn wir hinterher noch erbämlich frieren müssen, als die Klimaanlage eingeschaltet wird.

Auf der Zugfahrt durch das Nildelta
Ich sitze neben einem Kopten (einem ägyptischen Christen) aus Hugharda, wo er ein Geschäft besitzt. Er kommt nicht damit klar, dass ich nicht an Gott, eine unsterbliche Seele oder letztes Gericht glaube bzw. zugebe, es nicht zu wissen, aber er bleibt nett und erzählt viel über seine Sicht auf Ägypten. Seiner Meinung nach hätten die Ägypter von heute nichts mehr mit denen zu tun, die einst die Pyramiden erbauten, und die Pharaonen würden weinen, wenn sie heute ihre Kinder sehen könnten. Der Ägypter von heute wolle nur essen und schlafen und ansonsten nicht viel hinbekommen. Er schimpft über das ägyptische Bildungssystem, nach dem, was ich gehört habe, kann ich ihm nur zustimmen, und ein bisschen über Mubarak. Er bietet uns am Bahnhof in Alexandria noch seine Hilfe an. Alexandria wirkt nicht so überfüllt wie Kairo und liegt sehr schön am Mittelmeer.
Hassan holt uns dort ab und wir fahren - nach einem kurzen Disput mit den Parkplatzwärtern am Bahnhof wegen der angezogenen Handbremse in Hassans altem Mercedes - zuerst zur NGO "Life for all", die ein superschönes Heim für Menschen mit Behinderungen aufgebaut hat.

Menschen, die bei "Life for all" leben und betreut werden.
Danach besuchen wir kurz die Bibliothek von Alexandria

Sonne tanken vor der Bibliothek von Alexandria
und fahren von dort aus zu einem großen Einkaufszentrum, offenbar eher die Spielwiese der Mittelschicht, essen dort etwas und treffen uns mit zwei jungen Frauen, Jaginda und Annaa, aus Hassans NGO "Iskanderella".

Im Einkaufszentrum
Die beiden sind auch mit dem Auto unterwegs und fahren erstmal ein Rennen auf so etwas wie einer Autobahn, wobei wir es doch mit der Angst zu tun kriegen und es mehrmals fast zu einem Unfall kommt. Dann fahren wir zu einem wunderschönen kleinen Stadtviertel von Alexandria, das ständig vom Abriss bedroht ist, weil die Regierung dort gern etwas neues bauen würde, und wo Iskanderella tätig ist. Direkt am Strand liegt völlig offen eine große Fliegerbombe herum.

Wir erkunden das kleine Fischerdorf.

Unterhaltung am Strand
Wir gehen zusammen mit den Leuten von der NGO in ein kleines Café, unterhalten uns noch, sehen uns ein paar Fotos an und werden unsere restlichen Geschenke los.

Zusammen sitzen und nochmal Mikado erklären

Gruppenfoto mit Leuten von "Iskanderella"
Dann müssen wir auch schon los, um unseren Zug zu kriegen. Unsere Zeit ist knapp und der Verkehr natürlich wieder eine Katastrophe. In der Nähe vom Bahnhof steigen wir aus unserem Taxi und rennen zum Bahnhof. Wir kommen dort auch vor dem Zug an, aber die Gruppe, die mit Hassan in dessen Auto gefahren ist, fehlt noch und wir stehen ziemlich unter Stress. Aber auch die kommen noch rechtzeitig an. Wegen eines als ungerecht empfundenen Vorwurfs von Stefan ticke ich kurz durch und schreie ihn an.
Aber letzten Endes war der ganze Ärger wieder umsonst, da der Zug eh Verspätung hat. In diesem Land sollte man versuchen, sich angesichts der Probleme zu entspannen. Wir verabschieden uns von Hassan und den Mädels und fahren zurück nach Kairo.

Abschied am Bahnhof

Eine leicht beengte Taxifahrt